Wieder an der frischen Luft
Der Spätsommer lag wie ein zu glattes Tuch über dem Land, und genau darin lag das Unheil: In der Klarheit des Himmels war keine Milde, sondern etwas Klinisches, als hätte die Welt beschlossen, alles Sichtbare schärfer zu zeichnen, damit niemand später behaupten konnte, er habe die Zeichen nicht gesehen. Die Heerstraße führte als helles Band durch abgeerntete Felder, und mit jeder Meile nach Angelbury wuchs nicht nur die Silhouette der Mauern, sondern auch die Schwere in den Gesichtern. Aushänge flatterten an neuen Pfählen, als wären sie erst gestern genagelt worden. Patrouillen standen dort, wo früher Händler standen. Reisende sprachen kürzer, lachten seltener, und die Hände blieben zu oft in Manteltaschen, als könne ein Griff um einen Dolch das Gefühl ersetzen, die Dinge im Griff zu haben.
Seit die Gruppe wieder oberirdisch unterwegs war, hörte sie überall dasselbe Lied, nur mit wechselnden Strophen: Grenzscharmützel, entführte Diplomaten, brennende Höfe. Einmal waren es die Elfen, einmal die Menschen—je nachdem, wer den eigenen Hass füttern musste. Und darunter lief ein zweiter, leiserer Refrain, den man nur in Andeutungen sang: dass es jemanden gebe, der nicht kämpfte und doch gewann. Eine Hand, die den Krieg nicht ertrug, sondern brauchte. Ein Mittler, sagten manche, als sei das Wort harmlos, als bedeute es Frieden. Es bedeutete etwas anderes.
Als die Straße sich bog, kam der Wind mit Stimmen zurück—nicht mit dem leeren, alltäglichen Murmeln einer Rast, sondern mit dem scharfen Ton von Befehlen und dem nervösen Flattern von Bitte. Über eine Kuppe hinweg lag ein Kontrollposten in einem flachen Graben: zwei Wagen quer, eine Handvoll Soldaten in Cammeres Farben, keine Parade, kein Glanz—nur abgenutzte Stiefel und staubige Wappenröcke, die zu oft im Regen gestanden hatten. Sie wirkten nicht grausam. Sie wirkten müde. Und Müdigkeit, wenn sie lange genug dauert, wird zur gefährlichsten Form von Entschlossenheit.
Im Dreck knieten drei Reisende. Ihre Mäntel waren zu fein für Bauern, zu unauffällig für Adlige, zu sauber für Tagelöhner—die Kleidung derer, die „niemand“ sein wollen, weil „niemand“ nicht befragt wird. Ihre Hände waren gebunden, ihre Taschen geöffnet, ein Karren umgestürzt, als hätte man in Eile nach dem einen Ding gesucht, das alles erklärt. Ein Soldat hielt eine kleine Ledertasche hoch, und daran baumelten die Symbole, die in Zeiten wie diesen töten konnten: ein versiegelter Brief, Wachs, eine schmale Kette mit einem silbernen Ring. Ein anderer hatte bereits das Schwert gezogen, als müsse Metall im Licht genügen, um Wahrheit aus Menschen herauszuschneiden.
Der Unteroffizier, breitschultrig, mit einem Gesicht, das zu oft „letzte Warnung“ gesagt hatte, ging vor den Gefangenen auf und ab. Er sprach laut genug, damit die Straße selbst Zeugin wurde.
„Ihr seid also Kaufleute“, sagte er, und spuckte in den Staub, als wolle er die Lüge sichtbar machen. „Und trotzdem tragt ihr kein Handelszeichen. Und trotzdem habt ihr einen Brief mit einem Siegel, das nicht von hier ist. Und ihr wisst erstaunlich viel darüber, welches Stadttor heute Nacht leichter zu passieren wäre.“
Einer der Gefangenen—schmales Kinn, ein Blick, wie ihn Leute haben, die gewohnt sind, belauscht zu werden—versuchte zu lachen. Es klang wie Husten. „Wir… wir haben nur…“
„Halt’s Maul!“ Der Unteroffizier sagte es ohne hinzusehen, als hätte er diese Stelle im Gespräch schon hundertmal durchschritten. Dann wandte er sich an den jüngsten Soldaten, dessen Anspannung wie eine zweite Uniform saß. „Was hat er gesagt? Wiederhol es.“
Der Junge schluckte. „Er sagte… äh… er sagte: ‚Der Mittler wird zufrieden sein, wenn…‘“
Die Stille danach war so dicht, dass selbst das Rascheln der Felder lauter wirkte. Einer der Gefangenen hob den Kopf ruckartig, als hätte sein eigener Mund ihn verraten. Der Unteroffizier blieb stehen, drehte sich langsam zu den Knien im Staub.
„Der Mittler.“ Er legte Gewicht auf das Wort, bis es nicht mehr nach Frieden klang. „Welcher Mittler?“
Die Antworten saßen in Körpern, nicht in Worten. Panik in Augen, die zu lange geübt hatten, ruhig zu bleiben. Und Silber—unauffällig, und gerade deshalb verräterisch: ein Ring, als sei er erst kürzlich wieder angelegt worden; ein Anhänger, halb unter einem Hemdkragen, gewöhnlich genug, um niemanden zu interessieren, außer denen, die wussten, wonach sie suchten. Die Soldaten bemerkten es auch. Ein älterer trat vor, packte die Frau am Kinn und riss ihren Kopf hoch. „Silber“, zischte er, nicht triumphierend, sondern angewidert. „Natürlich.“
„Sie sind Agenten“, sagte der Unteroffizier. In seiner Stimme lag keine Freude, nur Müdigkeit—und eine düstere Erleichterung, als hätte er endlich einen Namen für das, was ihn seit Wochen wach hielt. „Die Sorte, die Gerüchte streut, Leute verschwinden lässt und dann behauptet, es seien die Elfen gewesen.“
Er deutete auf den Brief. „Und das hier? Ein Befehl? Eine Liste? Ein Zeitplan für den nächsten Zufall an der Grenze?“
Der Mann mit dem schmalen Kinn atmete einmal tief ein, als wolle er sich zwingen, zu überleben. Dann brach es aus ihm heraus, schnell und verzweifelt: „Wenn ihr uns hier abschlachtet, gewinnt niemand. Ihr denkt, ihr stoppt etwas—ihr stoßt es nur an!“
Der Unteroffizier ging in die Hocke, so nah, dass die Grenze zwischen Befehl und Geständnis dünn wurde. „Du willst mir erzählen, es ist gut, wenn ich Spione laufen lasse, die—“ Er tippte gegen den Siegelbrief. „—mit sowas in meine Hauptstadt wollen?“
„Wir sind keine—“ Der Satz starb, als der ältere Soldat dem Mann mit der flachen Hand ins Gesicht schlug. Keine Raserei, nur Korrektur. Blut lief aus der Nase und zeichnete eine dunkle Linie in den Staub, so sauber, als hätte jemand sie mit Absicht gezogen.
Dann hob die Frau den Kopf. Ihre Stimme, eben noch brüchig, klang plötzlich kontrolliert, beinahe professionell—als würde sie ein Gespräch führen, das sie schon vorbereitet hatte. „Ihr habt uns erwischt. Gut. Aber wenn ihr uns tötet, wird der Silberne Mittler andere schicken. Ihr werdet nie erfahren, wer in eurer Stadt seine Hand über eure Befehle hält.“
Blicke wechselten. Und einige flackerten zur Hauptstadt, als könnten sie in der Ferne bereits sehen, wie etwas Unsichtbares zwischen Türmen und Dächern stand. Angst vor etwas, das nicht erst kommen würde, sondern schon da war.
„Genug“, sagte der Unteroffizier schließlich. „Bindet ihnen die Augen zu. Dann ist es schnell vorbei.“
Stoffstreifen wurden hervorgezogen, ein Sack bereitgemacht, in dem man Leichen verstauen würde—als wäre Tod eine logistische Frage. Der Stoff strich über Augen. Einer der Gefangenen wand sich trotzig, die Frau blieb still, Kiefermuskeln wie gespannte Drahtseile. Der dritte murmelte etwas, das wie ein Gebet klang, aber zu kurz, zu sauber formuliert war, um wirklich von Glauben zu stammen.
„Letzte Chance“, sagte der Unteroffizier. „Nennt Namen. Nennt eure Auftraggeber. Nennt einen Grund, warum ich euch nicht als Warnung am Wegesrand aufknüpfen soll.“
Der Mann mit dem schmalen Kinn lachte heiser. „Ihr wollt Namen? Ihr habt keine Zeit für Namen. In zwei Tagen wird in der Stadt ein Feuer ausbrechen—im Archivviertel. Ein Unfall. Und dann wird jemand Beweise finden, dass die Elfen…“
„Maul“, knurrte der ältere Soldat und stieß ihm den Schwertknauf gegen die Rippen.
„Stop!“ zischte die Frau fast im selben Atemzug, und diesmal war echte Angst darin. „Du Idiot, du—“
„Archivviertel“, wiederholte der Unteroffizier langsam, und während er sprach, schoben sich in seinem Kopf bereits Karten, Wege, Zuständigkeiten übereinander. Ein Mann nickte unwillkürlich—weil er wusste, was dort lagert: Verträge, Grenzkarten, alte Abkommen. Papier, das Frieden tragen konnte. Papier, das zu leicht brennt.
Die Frau richtete sich so gut es ging auf. „Ihr versteht nicht“, sagte sie ruhiger, aber mit der Härte von jemandem, der nicht mehr um Mitleid bittet, sondern um Vernunft. „Wenn dieses Feuer brennt, wird jeder nach einem Schuldigen suchen. Und wenn die Dokumente weg sind, gewinnt derjenige, der die Geschichte danach schreibt.“
„Und das seid ihr?“, knurrte der Unteroffizier.
„Nein.“ Sie antwortete sofort. „Wir sind… Mittel. Nicht die Hand.“
Mittel. Mittler. In den Köpfen der Gruppe zog sich etwas zusammen. Worte waren selten Zufälle. Worte waren Werkzeuge.
Und dann räusperte sich Darron—dieser kleine, menschliche Laut, der in solchen Momenten wie eine Entscheidung klingt. Die Gruppe trat aus dem Schatten des Geschehens und störte das Verhör, nicht weil sie glaubte, dass Heldentum das Land rettet, sondern weil Stillhalten hier bedeutete, sich mitschuldig machen zu lassen.
„Wer seid ihr?“, rief der Hauptmann befehlsartig.
Speere hoben sich halb. Nicht als Drohung, eher als Reflex. Die Soldaten sahen nicht aus wie Schlächter. Sie sahen aus wie Menschen, die sich einreden mussten, dass Härte Sicherheit schafft, weil das Gegenteil zu viel Angst machte.
Die Frau drehte den Kopf, blind, aber nicht ahnungslos, und sprach in die Richtung der Schritte: „Helft uns. Ihr wollt doch auch das Beste für das Land. Dann braucht ihr Informationen, nicht Leichen.“
Der ältere Soldat spuckte. „Ihr braucht Gerechtigkeit“, sagte er, und seine Wut war so ehrlich, dass sie ansteckend wirkte. „Diese Ratten säen Tod. Wenn wir sie laufen lassen, sterben morgen welche von uns.“
Die Welt ließ ihnen keine saubere Lösung. Diskussionen kippen in Zeiten wie diesen nicht, sie reißen. Die Gefangenen versuchten, sich loszureißen, Flucht als letzte Verhandlung, und der Kampf kam so zwangsläufig wie Regen nach drückender Hitze. Zusammen mit der Patrouille überwältigte die Gruppe die Agenten. Blut mischte sich mit Staub. Zorn mit Erleichterung. Und irgendwo, ungesehen, notierte eine andere Hand, dass dies nur ein Verlust von Figuren war, nicht von Plänen.
Am Ende gestatteten die Soldaten die Weiterreise nach Angelbury und nannten eine Anlaufstelle im Militär—eine Tür, hinter der Verantwortung lag, oder Schuld, oder beides. In der Hauptstadt selbst versuchte die Gruppe, alte Fäden wieder aufzunehmen: Kontakte, Namen, die einmal Türen geöffnet hatten. Eine Adlige, einst im Stadtrat, die Hilfe erbeten hatte und deren Bitte zur Enttarnung Raidaths geführt hatte, eines Vampirs. Doch Angelbury war nicht mehr dieselbe Stadt; Menschen verschwinden nicht nur aus Gassen, sondern auch aus Netzwerken. Die Abenteurer fanden wenig Spuren—und das Wenige roch nach Absicht.
Also gingen sie dorthin, wo man den Krieg am empfindlichsten treffen konnte: ins Archivviertel.
Für einen Moment wirkte die Stadt fast normal. Enge Gassen. Hohe Fassaden. Laternenlicht in Fenstern. Stiefel auf Pflaster. Aber Zurgin bemerkte, was fehlte: keine Musik aus Schenken, kaum Gelächter. Worte wurden gedämpft, als fürchte man, schon das Aussprechen sei ein Bekenntnis. Das Viertel der Schreiber und Register lag da wie ein Organ, das still arbeitet: niedrige Amtsgebäude, versiegelte Lagerhäuser, Innenhöfe, in denen tagsüber Boten warten. Der Geruch von Papier, Leim und Tinte hing über allem—trocken, sauber, und in seiner Sauberkeit verletzlich.
Vor dem Hauptarchiv standen zwei Stadtwächter. Ihre Wachsamkeit war Gewohnheit, nicht Schärfe; Müdigkeit hatte sich auch hier in die Haltung gefressen. Hinter ihnen ragte das Archiv aus hellem Stein: wenige Fenster, schwere Türen, eiserne Beschläge. Ein Bau, für die Ewigkeit gedacht—und doch so brennbar, wenn man an Papier denkt.
Dann: ein Knacken, erst leise, wie Holz, das arbeitet. Ein dumpfes Poltern im Inneren, als sei eine Last gestürzt. Und mit einem Windhauch kam ein Geruch, der hier nicht hingehörte: scharf, ölig, zielgerichtet. Lampenöl. Nicht die zufällige Laterne eines Beamten—zu stark dafür. Zu entschieden.
„Riecht ihr das auch?“, murmelte einer der Wächter, klopfte an die Tür, zweimal. „Hey! Ist noch jemand drin?“
Keine Antwort.
Stattdessen ein metallisches Klicken—ein Riegel, der einrastet. Direkt danach ein gepresster Laut, als hätte jemand rufen wollen und sei zum Schweigen gebracht worden. In einem oberen Fenster flackerte warmes Licht auf, unruhig und lebendig—nicht Lampenschein, sondern Orange, das an der Scheibe leckte. Ein Atemzug später kroch der erste Rauchfaden unter dem Tor hervor, dünn und zögerlich, als müsste das Gebäude sich erst entscheiden. Dann wurde es mehr, rollte über den Stein, zog in die Straße.
„Das… das kann nicht sein“, stammelte der zweite Wächter. „Im Archiv brennt nie—“ Er verschluckte den Satz, weil er spürte, was „nie“ wert ist, wenn jemand es darauf anlegt.
Schritte klangen im Inneren. Schnell. Kontrolliert. Nicht die Schritte von Menschen, die vor Feuer fliehen, sondern von Menschen, die wollen, dass es brennt.
„… drittes Regal… nimm das Graue…“ drang ein Wortfetzen durch Holz und Stein.
Dann Husten. Noch einer. Das raschelnde Aufflammen von Papier—zu schnell, zu hungrig. Der Wächter sah die Gruppe an, und in seinem Blick stand die ganze unausgesprochene Rechnung: Wenn das ein Unfall ist, hat der Himmel Helfer geschickt. Wenn es Sabotage ist, seid ihr Zeugen. Und wenn es das ist, wovor überall geflüstert wird—dann ist jeder, der handelt, entweder Held oder der nächste Verdächtige.
Das Horn blieb in seiner Hand. Er hatte es noch nicht geblasen.
„Sagt es mir“, presste er hervor, „seid ihr zufällig hier… oder wegen sowas?“
Hinter der Tür knackte es erneut, diesmal nicht wie Holz, sondern wie etwas, das nachgibt: Riegel, Kette—als würde jemand den Ausgang sichern. Der Rauch wurde dichter, und als die Tür schließlich nachgab, schlug ihnen Hitze entgegen wie der Atem eines Ofens. Regale wurden zu Schattenwänden. Das Licht war kein Lampenlicht mehr, sondern ein flackernder Wille. Zwischen zwei Reihen huschte eine Gestalt—nicht fliehend, sondern zielstrebig verschwindend, als hätte sie hier einen Plan. Und dann wurde der Rauch mit einem Schlag so dicht, als holte das Gebäude selbst Luft. Es war Zeit.
Draußen formte sich bereits eine Eimerkette. Schreiberlehrlinge, Boten, Ladenbesitzer, Wachen—Menschen, die gehorchten, weil Gehorchen in Chaos wie Handlung wirkt. Wasser schwappte, mischte sich mit feinem grauem Staub. Ein Wächter brüllte Befehle, die im Durcheinander untergingen. Die Türflügel standen einen Spalt offen; jedes Öffnen ließ Rauch herausquellen wie Atem aus einem Tier, das im Inneren lauert.
Und mitten in dieser Kette stand ein Mann, als wäre er schon immer Teil davon gewesen. Hochgekrempelte Ärmel. Eimer in der Hand. Effizient, ohne die Unsicherheit der anderen. Sein Blick ging nicht zu den Verletzten, nicht zum Rauch—sondern immer wieder zur Tür, als wartete er auf einen bestimmten Moment.
Als der Eimer bei ihm ankam, kippte er ihn weiter, zu schnell, zu sauber. Wasser spritzte absichtlich über die Hände der Frau neben ihm.
„Verdammt!“ Sie zuckte zurück—und in der Kette entstand die Lücke, die eine Kette nicht überleben darf.
Der Mann nutzte sie sofort: ein Schritt nach vorn, eine Schulterdrehung, als würde er nur Platz machen, und plötzlich war er näher an der Tür, als er sein durfte. Unter seinem Mantelsaum zeigte sich für einen Augenblick etwas Dunkles: ein kleines Bündel, eng verschnürt. Und im Rauch hing wieder dieser Geruch, der alles andere zerschnitt—Lampenöl, viel zu konzentriert.
„Platz da“, sagte er, und seine Stimme war zu geübt, um in Panik geboren zu sein. „Der Archivist lässt die wichtigen Räume sichern. Niemand steht im Weg.“
Mehrere wichen instinktiv zurück—nicht weil sie ihm glaubten, sondern weil er klang, als dürfe man ihm nicht widersprechen. Nur ein paar Schritte noch, dann würde ihn Rauch und Chaos verschlucken wie ein Vorhang. Und irgendwo, in einem unsichtbaren Netzwerk aus Silber und Worten, würde jemand zufrieden sein—nicht mit dem Feuer selbst, sondern mit dem, was danach fehlte: die Beweise, die Geschichten, die Möglichkeit, Frieden auf Papier zu beweisen. Denn wer das Archiv verbrennt, der tötet nicht nur Vergangenheit. Er nimmt der Zukunft ihre Ausreden.
Beunruhigt von dem was sie sahen, beeilten sich die Abenteurer, in das Gebäude zu gelangen. Durrak entschied sich, alle Kraft auf das Löschen der Flammen zu lenken. Immerhin hatte er einen starken Trumpf in der Hand, der ihm durch sein „Frostbrand“ Schwert gewährt wurde. Darron versuchte, durch den Rauch und das Chaos, die Brandstifter an der Flucht zu hindern, Sorn wollte schauen, ob denn ein paar wertvolle Gegenstände noch nicht verbrannt waren, er aber später selbiges behaupten konnte. Imogen und Lasgela warfen sich ins Getümmel, hatten aber stark mit dem dicken Rauch zu kämpfen und verloren die Gegner immer wieder aus den Augen. Zurgin war unzufrieden mit der Klangfarbe seiner Instrumente, die bei der starken Hitze die optimalen Resonanzfrequenzen einfach nicht erreichten.
Am Ende eines aufregenden Kapitels in den Archiven, waren die schlimmsten Auswirkungen des Feuers auf wenige Regale begrenzt worden, die Brandstifter selbst aber waren entkommen. Und nach allem, was die Gefährten herausfinden konnten, hatten sie etwas mitgenommen. Ein Buch über einen Aethel Tempel, eine Ruine im Grenzland, die einst ein mächtiger Ort des Ausgleichs war. Zwischen Hextor und Heironeous, den ungleichen Brüdern, Göttern des Krieges, wie sie gegensätzlicher kaum sein konnten. Und dort in jenem Tempel hatten die Menschen etwas kaum vorstellbares versucht. Den Ausgleich dieser beiden Götter herbeizuführen, so dass der Krieg, wenn er denn nicht vermeidbar war, doch wenigstens gerecht und reinigend für die beteiligten Parteien sein solle. Aber jene Geschichten aus diesem Buch, dessen Kopie diese Erzählung in das Bewusstsein der Abenteurer rief, hatten lediglich den Eindruck von Legenden, die nur zum Teil auf Wahrheiten beruhten und was heute aus jenem Tempel geworden war, lag in Dunkelheit und Vergessen.
Ganz und gar nicht vergessen oder ignorieren konnten die Abenteurer das am Abend erlebt Inferno, was wohl auf Zutun von Agenten des silbernen Mittlers geschehen war. Auf frischer Tat getötet wurden jedoch nur Handlanger der Agenten. Dies war den Abenteurern jedoch nicht genug. Imogen und Lasgela, die beiden Fährtenleserinnen, machten sich sofort auf die Suche nach Spuren der Fliehenden und hatten Erfolg. Imogens Wolf war spielend leicht in der Lage, den drei schwitzenden Gestalten, die wohl auch noch einen Gefangenen mit sich aus der Stadt schleppten, zu folgen. Durrak begleitete sie bei ihrer Verfolgung. Dennoch waren sie aufgrund der Umstände, die sie zwangen, immer wieder neu nach den Spuren zu suchen, zu langsam, um Boden gut zu machen.
Der Rauch über Angelbury war schon etwas dünner geworden, ein graues, müdes Band am Nachthimmel, als die Gruppe aufbrach—nicht, um zu löschen, sondern um zu stellen. Der Brand war bezwungen, ja; doch die, welche ihn gelegt hatten, waren entkommen. Und das nagte an ihnen wie Glut im morschen Holz: Es war nicht genug, dass die Flammen aus waren, solange die Brandstifter frei atmeten. Durrak, der Zwerg, stapfte voran wie ein kurzer Rammbock, die Stirn tief, der Blick hart. Imogen und Lasgela gingen nicht einfach nebenher—sie lasen den Boden wie andere eine Schriftrolle. Wo ein Pferdehuf den Lehm gebrochen hatte, wo Gras niedergetreten war, wo ein Stein unnatürlich blank gerieben schimmerte: Dort lag Richtung, Tempo, Hast. Imogens Wolf war darauf trainiert, eine Fährte nicht aus der Nase zu lassen und machte flott Strecke.
Die Spur führte hinaus aus den letzten Gärten Angelburys, über Felder, die nach Nachtfeuchte rochen, und in ein Stück Land, das von Hecken und niedrigen Hügeln zerfurcht war. Dort, wo der Wind ungehindert strich, fand Lasgela das erste klare Zeichen der Eile: ein abgerissener Lederriemen, festgetreten, und daneben ein tiefer Abdruck eines Stiefels, tiefer als die anderen—als hätte der Stechschritt hier erst richtig begonnen.
Sie folgten weiter, mit der Zähigkeit von Jägern, die wissen, dass ein Vorsprung nicht ewig wächst. Als der Mond hinter einer Wolke hervorlugte, kamen sie an ein provisorisches Feldlager: eine flache Mulde, halb verborgen zwischen ein paar Bäumen. Aber kein Feuer mehr, nur die kalte Asche eines hastig erstickten Scheiterhaufens; ein umgestürzter Kessel; die Abdrücke von drei Pferden, die hier einige Zeit angebunden waren.
„Drei“, sagte Imogen schließlich leise, ohne aufzusehen. „Sie haben ab hier Pferde getrieben.“
Lasgela kniete, strich mit zwei Fingern über eine aufgewühlte Stelle am Wegrand. „Und sie hatten Last. Nicht nur Reiter. Taschen, vielleicht Fackeln, Öl—etwas schlug gegen die Flanken.“
Durrak brummte. „Dann sollen sie es tragen bis in den Galgen.“
Lasgela nickte. „Hier war einmal ihr Lager. Aber sie haben nur sehr hastig die Habseligkeiten zusammengesammelt. Und dann sind sie weiter. Sie wussten, dass ihnen jemand folgt.“
Während die drei am Lager den Faden wieder aufnahmen, war anderswo bereits Bewegung im Gang. Darron, der Magier, hatte nicht die Geduld, Fuß um Fuß zu messen, wenn Zeit gegen sie arbeitete. Er, Zurgin und Sorn hatten sich Pferde verschafft und waren dem Hinweis Lasgelas gefolgt, die ihren Falken mit einer Nachricht zu ihnen geschickt hatte, dass die Brandstifter nicht einfach ins Niemandsland geflohen waren—sondern ein Ziel in den nahen Wäldern anvisierten. Sie fanden sie.
Nicht als klare Gestalten im Blick, sondern als Staubfahnen am Horizont, als unruhige Schatten, die sich zwischen Heckenlinien bewegten. Dann wurde aus Schatten Abstand, aus Abstand Gewissheit: drei Reiter, die ihre Tiere hart nahmen.
„Da sind sie“, sagte Sorn, knapp wie ein Messer. Seine Stimme passte zu seinem Gesicht: wenig verratend, doch voll Richtung.
Zurgin beugte sich vor, als könne er dem Pferd damit mehr Geschwindigkeit einflößen. „Wenn wir sie nur nahe genug halten—nur nahe genug—“
Darron sagte nichts. Seine Augen folgten der Linie der Flucht, rechneten. Nicht nur mit Meilen. Mit Entscheidungen. Als beide Teile der Gruppe wieder zusammenfanden, war es kein feierliches Wiedersehen—nur ein hartes Nicken, ein kurzer Austausch, als reiche jedes Wort nicht an die Dringlichkeit heran.
„Sie sind auf dem Weg zur Straße“, meldete Darron.
Imogen zeigte auf die frischen Spuren. „Und sie wissen, dass du da bist. Sie treiben die Tiere.“
Durrak knirschte mit den Zähnen. „Dann treiben wir härter.“
Die Jagd führte sie schließlich zu einer Straße, breit genug, dass Räder sie blank gefahren hatten. Dort war der Boden tückisch: zu viele Spuren, zu viele Richtungen, zu viele Möglichkeiten. Doch nicht für lange. Imogen und Lasgela stiegen ab, zogen die Zügel kurz und gingen langsam den Rand entlang, wo die Erde weicher war, wo sich Wahrheit eher eingrub als auf Stein zu verschwinden. Lasgela hob den Kopf. „Hier—sie teilen sich.“ Imogen bestätigte es sofort: „Ein Pferd nach Westen, zurück Richtung… Angelbury.“ Sie sprach den Namen, als wäre er ein verletzlicher Ort, den man mit der Zunge schützen musste. „Die anderen zwei in die Gegenrichtung.“ Für einen Augenblick hing alles an diesem Scheideweg. Zwei Spuren wie zwei Geschichten, beide schlecht. Darron sah von der einen Linie zur anderen, sein Blick scharf, als könnte er die Zukunft darin lesen. Zurgin fluchte leise—nicht aus Angst, sondern aus Verdruss über die Mathematik der Lage. Sorn stand reglos, doch seine Hand lag bereits am Griff. Durrak war der Erste, der den Stillstand brach. „Wir teilen uns nicht. Nicht heute.“ Lasgela zog die Augenbrauen zusammen. „Wenn wir den falschen wählen—“ „Wenn wir uns trennen“, knurrte Durrak, „werden wir am Ende keinen fangen. Wir sollten als Einheit agieren. Und Angelbury ist immer noch in Gefahr. Wir sollten zurück, um die Stadt zu warnen, dass die Gefahr noch nicht vorbei ist.“
Imogen trat näher an die Spur, die zur Stadt führte, und ihr Gesicht wurde kälter. „Der, der nach Angelbury reitet, hat ein Ziel. Vielleicht ein zweites Feuer. Vielleicht Ablenkung. Vielleicht soll der Ort glauben, es sei vorbei—und dann brennt es wieder.“ Sorn sprach nun, leise, doch unmissverständlich: „Angelbury ist voller Holz aus dem Norden, voller Vorräte, voller Schlaf. Wer dorthin reitet, reitet nicht um zu überleben. Er reitet, um zu treffen.“
Darron nickte einmal. Entscheidung, gefasst wie ein Siegel. „Dann ist die Wahl keine Wahl.“
Sie folgten der Spur zurück nach Angelbury, alle zusammen, ohne sich zu zerteilen, auch wenn es bedeutete, zwei Brandstifter vorerst laufen zu lassen. Es war ein bitteres Zugeständnis—aber eines, das sie machten, weil sie verstanden, was auf dem Spiel stand: Nicht Stolz. Nicht Beute. Leben.
Der Weg zurück war schneller als der Hinweg, doch nicht leichter. Die Pferde schnaubten, die Zügel lagen straff, und jede Biegung in der Straße war ein Versprechen: gleich, vielleicht gleich, ist er in Sicht. Imogen hielt ihren Blick wachsam auf die Seiten, Lasgela auf jedes Zeichen, dass der Reiter abgebogen sein könnte. Durrak suchte nicht nach Spuren—er suchte nach einem Moment, in dem er endlich zupacken konnte. Zurgin redete dem Pferd zu, als wäre es ein alter Freund, den man zu einem letzten Kraftakt überreden muss. Sorn ritt still, aber seine Stille war gespannt, wie eine Armbrust kurz vor dem Schuss. Darron, mitten unter ihnen, wirkte wie der Punkt, um den ihre Hast kreiste: Er sparte seine Kraft nicht, aber er verschwendete sie auch nicht.
Als die ersten Dächer Angelburys wieder in Sicht kamen, wirkte die Stadt klein gegen das, was hätte geschehen können. Und doch war sie in diesem Augenblick das Zentrum der Welt. Die Stadtwache am Tor erklärte ihnen, dass hier außer besonders wichtigen Personen niemand passieren durfte. Die Beschreibung, die sie über die verfolgten Gestalten abgaben, erzeugte ein Stirnrunzeln und dann eine Auskunft, dass ein auf die Beschreibung passender eben heute Nacht abgewiesen wurde. Lasgela wollte unbedingt wissen, wohin der Verbrecher sich gewandt hatte und entdeckte eine Spur, die sie bis zu einer Stelle verfolgte, an der die Stadtmauer ein paar Armlängen niedriger war, als an den meisten anderen und just dort fand sie ein zurückgelassenes Pferd. Auf dem Rücken des Pferdes stehend, konnte man an dieser Stelle mit einiger Kraft die Mauer sicher überwinden. So hatte er es wohl geschafft.
Aufbruch zum Heiligtum von Aethel
Angelbury, die Hauptstadt von Cammere, glich in jenen Tagen einem aufgescheuchten Ameisenhaufen. Aus allen Gassen drang das rhythmische Hämmern der Schmieden, und zwischen den Häuserzeilen wälzten sich Karren dahin, schwer beladen mit frisch geschlagenem Bauholz aus den Nordwäldern. Doch so geschäftig die Stadt auch wirkte, über allem lag eine bleierne Schwere. Selbst das Sonnenlicht schien nur noch matt durch die Wolkendecke zu sickern, als habe der Himmel seinen Glanz eingebüßt.
Die Gruppe, hielt sich nicht bei Lärm und Betriebsamkeit auf. Ihr Weg führte sie ins Viertel der Tempel, dorthin, wo die mächtigen Säulen der Halle von Kord wie steinerne Speere in den grauen Himmel ragten. Man hatte ihnen Antworten versprochen – und tatsächlich fanden sie etwas, das einer Antwort näherkam als jedes Gerücht: Unruhe hinter heiligen Mauern.
Als sie die Kord-Halle betraten, schlug ihnen der Geruch von Weihrauch und erhitztem Eisen entgegen. Ihre Schritte klangen schwer auf dem Steinboden, und das Echo lief an den Granitwänden entlang, als marschiere ein ganzes Heer. Im flackernden Fackelschein erkannten sie die Gestalten jener Priester, die eben erst von einer Expedition zurückgekehrt waren: gebeugt, erschöpft, Rüstungen zerschunden, als hätten sie nicht nur gegen Dornen, sondern gegen die Dunkelheit selbst gekämpft. In ihren Augen lag etwas, das tiefer ging als Müdigkeit – eine Leere, wie sie Krieger tragen, deren Gott ihnen den Rücken gekehrt zu haben scheint.
Dann trat Tordal hervor, der Anführer dieser Männer. Seine Stimme war rau und tief, wie rollender Donner, der sich im Gebälk der Halle verfängt. Er musterte erst seine Leute, dann die Neuankömmlinge – und in diesem Blick lag die Bitte eines Mannes, der weiß, dass Stahl und Mut allein nicht mehr genügen. „Wir suchten nach Stärke“, begann er, und seine Worte wirkten im großen Raum fast zu leise, „doch wir fanden Rätsel, die in Silber geschmiedet sind.“ Er breitete eine alte, vergilbte Karte aus, und während die Gruppe nähertrat, zeichnete er mit dem Finger eine Linie in den Norden, dorthin, wo der Grenzwald dichter wurde als jedes Maß menschlicher Ordnung.
Nahe dem Grenzwald, so erzählte Tordal, liege die Ruine von Aethel. Einst sei dieser Ort ein Knotenpunkt gewesen, an dem die Schleier zwischen den Welten dünn waren – eine spirituelle Kreuzung, durch die göttliche Energien flossen wie Wasser durch einen Kanal. Dort habe man gelehrt, dass Kampf ohne Ehre nur Gemetzel sei, und Sieg ohne Gerechtigkeit nichts als Asche. Doch dieser Fluss, sagte er, sei versiegt.
Nicht einfach verschwunden – umgeleitet, gestaut, gefesselt. Seine Leute hätten Spuren gefunden: feine, schimmernde Fäden aus Silber, die sich wie ein Netz über alte Altäre legten. Und aus den Spuren war der Verdacht geworden, die Theorie eines Verdachts, so furchtbar, dass sie selbst in einer Kriegshalle wie Blasphemie klang: Jemand könne die göttlichen Ströme binden. Die Kriegsdomäne abfangen, sammeln, wie eine Waffe führen – um sie womöglich einer Seite zu schenken und der anderen zu verwehren.
Tordal hielt den Blick der Gruppe fest, als wolle er ihre Entschlossenheit prüfen.
Seine Männer seien Krieger, gestählt im Nahkampf, sagte er, doch der Wald von Aethel wehre sich. Magische Siegel, natürliche Irrgärten, ein Landstrich, der den Blick trübe und Wege verschlinge. Dafür brauche es andere Fähigkeiten: jemanden, der Wildnis versteht, Magie lesen kann – und der den Mut besitzt, dorthin vorzustoßen, wo Stahl allein nicht ausreicht.
„Die Götter des Krieges schweigen immer noch“, knurrte er. „Kord schenkt uns keine Visionen von Schlachten mehr, sondern Visionen von Ketten.“
Und dann legte er ihnen auf, was fortan über ihren nächsten Tagen hing wie ein Auftrag, der zu groß ist, um ihn abzuschütteln: Sie sollten nach Aethel gehen. Herausfinden, wer – oder was – die Domäne des Krieges an die Leine gelegt hatte, bevor das Blutvergießen an der Grenze die Götter endgültig forttrieb.
Bevor sie sich abwandten, fügte Tordal noch etwas hinzu, leiser diesmal, doch nicht weniger schwer: In den Schatten der Ruine sei ihnen mehr als einmal ein Hinweis begegnet – ein Name, ein Bild, ein Flüstern, das sich an Silber band. Ein „Silberner Mittler“. Ob Retter oder Kerkermeister, das wisse man nicht.
„Vielleicht“, so sagte er, „könnt ihr dies herausfinden.“
Und so verließen sie die Halle nicht mit einem Segen, sondern mit einem Gewicht auf den Schultern: dem Wissen, dass irgendwo im Grenzwald Ketten geschmiedet wurden, die nicht aus Eisen waren …
Das Heiligum von Aethel war ihr Ziel. Um mehr über den silbernen Mittler zu erfahren, der dort, mitten im Grenzland des schwelenden Krieges, womöglich eine unglaublich anmutende Vorrichtung zur Lenkung von göttlicher Macht ins Leben gerufen hatte, etwas, was den Ausgang des Krieges oder sein Ende in einer nicht abwendbaren Art und Weise beeinflussen würde, wenn nicht, ja wenn nicht tapfere Helden dort einmal nach dem Rechten sehen würden.
Die Gruppe entschied sich, die Straße nach Osten bis zur Stadt … zu verfolgen, um dann über die Dörfer so nah wie möglich an den vermuteten Ort des Tempels zu gelanden und dort erst die Zivilisation zu verlassen und dem Geheimnis des Tempels auf den Grund zu gehen. Nach nur 1 1/2 Tagen hatten sie das letzte Dorf vor der Steppe, die letztlich in den Elfenwald überging erreicht und entschieden sich, noch bis kurz vor den Waldrand zu ziehen, um dort mit Hilfe von Darrons sicherem Unterstand, eine magisch errichtbare Schutzhütte mit einigem Luxus eine erholsame Nacht zu verbringen, bevor sie sich endgültig in die Gefahr eines dichten Waldes und einer wie auch immer geschützten Tempelruine begegnen wollten.
Am nächsten Morgen brachen die Gefährten auf und schon wenige Minuten nachdem sie in den Wald vorgedrungen waren, wurde ihnen klar, dass der Wald bestenfalls natürlichen Ursprungs war, aber mit Sicherheit durch starke magische Effekte zu einem überwältigend schnellen Wachstum getrieben worden war, als müsste er etwas vor der Welt verbergen. Dichteste Dornenranken wucherten über die sonst gut begehbaren Waldwege und machten ein Vorwärtskommen äußerst beschwerlich. Ohne die nahezu intimen Kenntnisse der beiden Waldläuferinnen hätte die Gruppe schon nach wenigen Minuten entnervt aufgegeben, aber so war schon seit Stunden das gleichmäßige Klacken von Lasgelas und Imogens Klingen ein ständiger Begleiter. Wie ein eingespieltes Uhrwerk arbeiten die beiden Hand in Hand: Wo Imogen mit sicherem Blick die Schwachstellen im wuchernden Dickicht ausmacht, schafft Lasgela mit präzisen Hieben den Raum, den eure Gruppe braucht, um überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Doch der Grenzwald hatte sich verändert. Die Stämme der Bäume wirkten unter dem Einfluss des mit neuer Magie erwachten Aethel-Tempels wie wachende Riesen, und die Dornenranken, die sie umschlangen, schienen nach euren Umhängen zu greifen. Die Luft ist schwer und feucht, gesättigt vom Geruch von zerdrücktem Farn und einer seltsamen, metallischen Note, die euch an das Sternensilber aus Tordals Erzählungen erinnert. An einer besonders dichten Stelle nicken sich die beiden Frauen kurz zu. Ein direkter Umweg ist nicht mehr möglich; die grüne Wand ist hier zu einer massiven Festung verschmolzen. ‚Nur ein kurzes Stück‘, flüstert Lasgela, während sie eine Schneise markiert. Gemeinsam führen sie die Gruppe durch ein Labyrinth aus peitschenden Ranken und messerscharfen Dornen. Als die Abenteurer schließlich auf einen etwas freieren Pfad traten, stellten sie mit einem beklemmenden Gefühl fest, dass sich das Gebüsch hinter ihnen wie von Geisterhand wieder geschlossen hatte. Ohne die Führung der Waldläuferinnen gäbe es kein Zurück mehr – sie waren nun gänzlich dem Wald ausgeliefert. Genau in diesem Moment der Stille, in dem nur der flache Atem einzelner zu hören war, brach das Unheil los. Es begann mit einem tiefen Grollen, das den Boden erzittern liess. Äste barsten mit dem Knall von Peitschenhieben. Aus dem dichten Schatten der Bäume starrten euch plötzlich bernsteinfarbene Augen an – geweitet vor einer Panik, die keine Vernunft mehr kennt. Die Tiere, die auf die Gruppe zurasten, flohen nicht vor den Abenteurern, sondern vor dem Grauen, das tiefer im Wald lauerte. Aber die Gefährten standen genau in ihrem Fluchtweg.
Der „Kampf“ ist schnell erzählt. Darron nimmt kurzerhand Durrak, Sorn und Zurgin mit auf einen Dimension Hop und taucht mit ihnen hinter dem anrauschenden Dire Bear wieder auf. Lasgela weicht dem wild trampelnden Elch aus und vermeidet (dank Evasion) blaue Flecken. Imogen turnt überragend geschickt um den Elch herum, übersieht aber in ihrer Eile einen Bären und wird beinahe zu Vegetarierfutter. Lasgela spricht mit den Pflanzen hinter ihr und überredet sie, dem anstürmenden Tieren Platz zu machen, was für die Tiere einen willkommenen Fluchtweg öffnet und beiden Gruppen einiges an Leid erspart. Einige wenige Sekunden später ist der Spuk wieder vorbei und die Gruppe erreicht nach kurzer Zeit die Außenmauern der Tempelruine von Aethel.
Die Ruinen des Aethel-Tempels ragten vor der Gruppe auf wie die abgebrochenen Zähne eines Riesen, der im wirren Grün des Waldes versank. Wo einst prächtige Tore Reisende empfangen hatten, hingen nun nur noch schwere, leblose Ranken herab. Doch was sie dort umfing, war nicht die ehrwürdige Stille des Verfalls, sondern eine künstliche, beklemmende Ruhe, als hielte der Ort selbst den Atem an.
Als die Gruppe die erste Steinstufe betrat, regte sich das Sternensilber, das wie Adern durch das Mauerwerk lief. Es begann in einem unnatürlichen, pulsierenden Blau zu leuchten. Und mit diesem Leuchten veränderte sich die Dunkelheit: Die Schatten blieben nicht länger an Wänden und Ecken, sondern schälten sich aus den silbernen Linien heraus. Zunächst waren es nur flache Flecken auf dem Stein – dann richteten sie sich auf, wurden dreidimensional, finster und schwer. Gleichzeitig sank die Temperatur spürbar, als ströme Kälte aus dem Inneren der Ruine in ihre Glieder.
Die Gestalten, die daraus hervorgingen, trugen die vage Form von Kriegern in antiken Rüstungen, doch Gesichter hatten sie keine. Dort, wo ein Herz hätte schlagen sollen, glühte nur ein kalter, silberner Reif. Kein Atem war zu hören, nur das leise Klirren geisterhaften Metalls auf Stein, Schritt für Schritt, näherkommend. So standen die Wächter vor ihnen – jene Erscheinungen, die selbst die gestandene Priester Kords zur Umkehr gezwungen hatten: nicht durch schneidende Klingen, sondern durch eine Kälte, die jeden Körper, der nicht gegen diese Todesmagie geschützt ist, in kürzester Zeit völlig entkräftet zurücklässt.
Die Schatten griffen an und kehrten instantan in die Mauern des Tempels zurück. Es blieb den Abenteurern nichts anderes übrig, als auf ihre sonst so fein abgestimmten Taktiken zu verzichten und einfach abzuwarten, bis der nächste Schatten aus der Wand hervortrat, um ihn mit magischen Waffen hoffentlich zu verwunden und mit der Zeit gelang es ihnen tatsächlich, den ersten der 4 Gegner zu besiegen. Er verwandelte sich jedoch nicht in Staub, sondern zerbarst in einen bläulich-silbrigen Nebel, der in das innere des Tempels gezogen wurde. Als Durrak, der als einziger vor den Kräften der Schatten geschützt war, sich von der zentralen Stelle der Wand entfernte, zog er einen weiteren Schatten aus den blauen Fäden hervor, man musste also auch diese beseitigen.
Auch das gelang der Gruppe unter Einsatz allerletzter Kraft (im wahrsten Sinne des Wortes, denn Imogen, Lasgela und Zurgin hatten bereits Teile ihrer Muskelkraft verloren, Imogen kroch auf allen Vieren mit letzter Kraft aus der Gefahrenzone und zogen sich extrem geschwächt aus dem Kampf zurück. So erkannten die Abenteurer, dass sich die Schatten nur Gegnern, die näher als etwa 5 Meter an die Wände herantraten, näherten, vermeintlich, damit sie nach ihrem Angriff wieder in die Sicherheit des Mauerwerks zurückkehren konnten. Durrak, im Vollbesitz seiner Kord-gewährten Kräfte und unter dem Schutz eines Todesbanns, begann, mit aller Kraft und systematisch die bläulich-silbernen Adern im Mauerwerk anzugreifen und war dank hoher Zerstörungskraft seiner wuchtigen Schläge einigermaßen erfolgreich damit, allerdings musste er sich am Rand des Dschungels mit dem Erreichten zufrieden geben. Immerhin war ein etwa 50 Fuss breiter Mauernabschnitt frei von bläulichen Adern und damit frei von weiteren Schattenkriegern, also sicher zum Überschreiten am nächsten Tag – so dachte man zumindest.
Als die Gruppe am nächsten Tag jedoch wieder an den Tatort zurückkehrte, war ein Teil der Mauer bereits vollständig wiederhergestellt, silbrige Adern waren in den etwa 12 Stunden seit dem Verlassen auf fast 10 Metern wieder „nachgewachsen“. Unter diesen Umständen begann eine Diskussion, wie das weitere Vorgehen sein sollte. Ein Überschreiten der Mauern mit intakten Silberfäden würde einige Schatten an die Oberfläche ziehen und die nicht geschützten (Durrak konnte nur 4 Personen unter einen Todesbann stellen) Gefährten wären dem Schwächetod durch die Schatten hilflos ausgeliefert. Sorn und Zurgin waren auch noch nicht wieder vollständig erholt, so dass die Entscheidung fiel, dass die beiden Ranger, der Zwerg und der Magier sich in die Höhle des Löwen begeben wollten, Zurgin von der Außenbande aus mit seinem Verstärker die Unterstützung beisteuern sollte und Sorn ein wachsames Auge auf die Umgebung richten würde. [[Es könnte ja sein, dass zufällig ein paar Diamanten durch den Dschungel flogen. ]] Um möglichst sicheren Rückzugsweg zu haben und gleichzeitig maximale Zeit unter dem Schutz des Todesbanns agieren zu können, dachte sich Durrak etwas besonderes aus. Er baute seinen Krummsäbel mit Hilfe eines Seils zu einer Art zurückkehrenden Wurf Waffe umzufunktionieren und begann, diese improvisierte Waffe mit Kraft gegen die silbernen Adern des Mauerwerks zu schleudern, um diese auf maximaler Breite zu zerstören. Als er bereits einen Teil der Wand auf diese Weise bereinigt hatte, erspähten die wachsamen Augen von Imogen aber eine Bewegung hinter den umgestürzten Wänden und die Gruppe beschloss die Taktik zu ändern.
Angriff in Unterzahl
Durrak zauberte den Todesbann stoisch zunächst auf Imogen, dann auf Lasgela, dann auf Darron und schließlich auf sich selbst. Mit Beginn des Schutzes stürmten die Abenteurer auf die Mauer zu, schlugen auf die silbrigen Fäden mit allem, was ihnen zur Verfügung stand (hauptsächlich adamantine Waffen), ein und erreichten eine breite Schneise. Die aus den nahegelegenen Wandabschnitten hervor schwebenden Schatten wurden – wie schon ihre Zeitgenossen zuvor – mit Waffengewalt vom Un- befreit. Als alles ruhig war, kletterten die 4 Gefährten über die Mauerruine und durchsuchten den Innenbereich nach Zugängen ins Innere. Es fand sich der Haupteingang, eine Treppe, die unter einer umgestürzten Säule lag, ein Zugang zu einer Art Balkon und ein Kletterweg, der über eine Höhe von mehreren Metern in eine Kammer führte. Während Imogen noch überlegte, was der sinnvollste Weg ins Innere sein könnte, hatte Darron vor, den vertikalen Kletterpfad zu beschreiten, Lasgela wollte den Balkon betreten und Durrak, dem klar war, dass die Zeit, während der der Todesbann wirksam war, extrem wirksam begrenzt sein würde, hielt sich nicht mit Diskussionen auf, sondern kletterte direkt über die Eingangstreppe ins Innere. Darron orientierte sich aus diesem Grund um, aber Lasgela blieb bei ihrer Entscheidung und betrat fast zeitgleich das Innere der Tempelruine durch den Zugang zum Balkon.
Durrak löst eine Falle aus, die Treppe wird zur Rutschpartie, Imogen und Darron stolpern hinterher, Darron landet ebenso wie Durrak prone im Hauptraum des Tempels, Imogen schafft den Balance-Akt und erreicht den Boden auf zwei Beinen. Lasgela positioniert sich auf dem Balkon in Deckung hinter einer Säule. Im Raum befinden sich bereits drei Vrocks, die einen Dance of Ruin durchführen. Darron bekommt davon Wind und schafft es unter Einsatz seines Lebens (und Session Drama Dice), einen der drei Vrocks zu bannen, so dass der Tanz scheitert. Die beiden verbliebenen Vrocks beginnen Durrak und Lasgela zu attackieren. Die Kleriker buffen sich ein wenig und helfen dann den Vrocks, am Leben zu bleiben. Darron feuert einen Fireball, Imogen deckt einen der Kleriker mit einem Pfeilhagel ein, der andere hat sich ihrem zugriff durch ein Sanctuary entzogen. Durrak wird vom Kleriker mit einem Dispel Magic überzogen, Darron erwischt ein Hold Person. Es sieht nicht gut aus, der einzige Lichtblick ist, dass der Tanz rechtzeitig gestoppt werden konnte. Durrak muss ordentlich einstecken, schafft es aber beinahe, einen Vrock in zwei (drei?) Runden zu plätten, obwohl dieser sich sogar noch mit Mirror Image schützt.
Am Ende des Tages machen eine wildgewordene Elfe auf Speed und ein robust austeilender Zwerg kombiniert mit einem im entscheidenden Moment drei der vier Protagonisten unsichtbar zaubernder Magier den Unterschied aus. Das Ritual wurde ausreichend gestört, um zunächst etwas Zeit zu verschaffen, allerdings ist einer der beiden Kleriker durch eine Geheimtür im Altar entkommen und könnte noch Unheil anrichten.
